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Weltwirtschaft wankt - droht Rezession?
von Christian Gaca, meOme-Redaktion

(12. September 2001) Börsen im freien Fall, überall auf der Welt. Die unbegreiflichen Terror-Attacken gegen die USA sorgen für große Verunsicherung der Wirtschaft. Steuert die Welt in eine Rezession?

Es ist hart, zynisch vielleicht, nach derart unbegreiflichen Terroranschlägen zum Tagesgeschäft überzugehen. Die unzähligen Toten in New York, Washington und Pennsylvania lassen wirtschaftliche Belange sehr unwichtig erscheinen. Nichtsdestotrotz: Seit dem 11. September 2001 warten weltweit die Analysten und Anleger verunsichert auf Signale der momentan quasi außer Gefecht gesetzten Volkswirtschaft der Vereinigten Staaten.

Zwar versicherte die US-Notenbank Federal Reserve (Fed), dem US-Bankensystem vor dem Hintergrund der Terroranschläge zusätzliche Liquidität bereitzustellen, sofern dies nötig werden sollte. Die Fed sei zudem voll funktionsfähig und in der Lage, zusätzliche Liquiditätserfordernisse zu bedienen.

Aber: Seit nunmher zwei Tagen sind die Grundfesten der US-Wirtschaft erschüttert. Die Finanzwirtschaft steht still, kein einzige Aktie wird gehandelt. Auch der zivile Flugverkehr, wirtschaftlich von zentraler Bedeutung, ruht seit Dienstagnachmittag. Ob er am Mittwochmittag (New Yorker Zeit) wieder aufgenommen wird, ist noch unklar. Die wirtschaftlichen Folgen des Terroranschlags sind derzeit noch unabsehbar. Laut werden Befürchtungen, dass der Weltwirtschaft nun ein Rezession droht.

Nach panikartigen Verkäufen ist die Börse in Tokio am Mittwoch auf den tiefsten Stand seit über 17 Jahren gefallen. Der Nikkei schloss unter 10.000 Punkten. Das wichtigste Barometer der asiatischen Leitbörse verlor im Tagesverlauf 6,6 Prozent und schloss bei 9610,10 Zählern. Am Dienstag hatte es bereits in Europa einen Börsen-Crash gegeben - der Deutsche Aktienindex (Dax) stürzte um über neun Prozent. Am härtesten betroffen waren Aktien von Fluggesellschaften und Versicherern. Am heutigen Mittwoch verzeichneten die europäischen Börsen vormittags vielerorts ein deutliches Plus, drifteten aber zum Nachmittag wieder in Minus. Zum Abend hin tendierten fast alle europäischen Börsenplätze wieder ins Plus. Deutsche Aktienhändler kritisierten die Entscheidung der Deutschen Börse, den Aktienhandel am Mittwoch fortzusetzen. In Deutschland bleibt momentan nur der Handel mit US-Wertpapieren weiter ausgesetzt.
Längerfristige Konsequenzen möglich - EZB will helfen
Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Wim Duisenberg, schloss längerfristige Konsequenzen auf die Finanzmärkte nicht aus. Es sei allerdings noch zu früh zu sagen, welche Konsequenzen dies sein könnten, sagte Duisenberg am Mittwoch in Brüssel. Für Europa seien die Folgen aber eher begrenzt, eine Rezession der Weltwirtschaft erwarte er nicht. Die EZB hat zudem eine mögliche Stützung der internationalen Finanzmärkte nach den Terroranschlägen in den USA zugesagt.

Commerzbank-Chefvolkswirt Ulrich Ramm erwartet keinen dauerhaften Börsen-Crash. "Unabhängig davon, wie die USA auf die Terroranschläge antworten, zählen an der Börse politische Ereignisse meist nur begrenzte Zeit", sagte Ramm in einem Interview des Wirtschaftsmagazins Focus Money. Auch Börsenexperte Gottfried Heller rechnet nicht mit einer Weltwirtschaftskrise. Die Notenbanken in den USA, Europa und Japan würden die Märkte mit Liquidität fluten, sagte Heller in einem dpa-Gespräch. Dies werde zunächst die Börsen und später auch die Wirtschaft beflügeln.

Dass die US-Wirtschaft als Folge des Terror-Attacke in eine Rezession gehen wird, prognostizierte Sung Won Sohn, Chief Economist der Bank Wells Fargo & Co. in einem Gespräch mit der US-Tageszeitung Washington Post. Andere Banker indes sehen nicht so schwarz wie Sohn, glauben aber wohl auch deutlich negative Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Zu den Sektoren, die am härtesten von den Geschehnissen betroffen sein dürften, rechnen die Analysten Fluggesellschaften, Versicherungen, das Hotelgewerbe, die Freizeitindustrie und den Einzelhandel. Der weltgrößte Rückversicherer Münchener Rück etwa rechnet im Zuge der Terror-Attacke mit einer hohen finanziellen Belastung. Der Konzern ist an der Feuerversicherung des World Trade Centers beteiligt. "Die Schadensbelastung für die Gruppe kann erheblich sein“, sagte eine Sprecherin am Mittwoch in München. Allein für die mit dem Zusammenbruch der Bürotürme zusammenhängenden Schäden rechnen die Experten mit Kosten von rund fünf Milliarden US-Dollar.
Investmentfonds setzen Handel aus
Der Generalsekretär der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC), Ali Rodriguez, sicherte bereits am Dienstagabend zu, dass die Erdölförderländer die Märkte auch weiterhin ausreichend mit Öl versorgen werden. Die OPEC sei darauf vorbereitet, ihre Produktionsreserven einzusetzen, falls dies nötig sei. Der Ölpreis war zwischenzeitlich um bis zu vier US-Dollar auf 31 US-Dollar je Barrel (159 Liter) in die Höhe geschossen, aber nach den Äußerungen von Rodriguez wieder um zwei Dollar zurückgegangen.

Auch zahlreiche nationale und internationale Fondsgesellschaften reagierten auf die Ereignisse und stellen die Festsetzung der Preise für die Aus- und Rückgabe von Fondsanteilen ganz oder zumindest teilweise ein. Die fehlende Preisfeststellung bedeutet, dass es momentan nicht möglich ist, Fondsanteile über eine Fondsgesellschaft zu erwerben oder zu veräußern. Der BVI Bundesverband Deutscher Investment- und Vermögensverwaltungs-Gesellschaften e. V., Frankfurt, ließ am Mittwoch verlauten, dass dies in vollem Einvernehmen mit dem Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (BAKred) geschieht. Es sei jedoch keine Anordnung des BAKred. Vielmehr sei die Entscheidung jeder einzelnen Fondsgesellschaft freigestellt.

Wann die New York Stock Exchange ihren Betrieb wieder aufnimmt, ist zurzeit noch unklar. Sicher ist: Es wird auch am Mittwoch keine Aktie gehandelt werden. Finanzexperten gehen nach Angaben des US-Fernsehsenders CBS aber davon aus, dass die Märkte morgen wieder geöffnet werden.

Was bleibt nun? In einem Artikel auf der Website des "Wallstreet Journal" brachte es Gunther K. Buerman, Manager einer Firma mit Sitz im World Trade Center, auf den Punkt: "Right now, for all of us, people are first, business is secondary." Im Moment kommen zuerst die Menschen, dann das Geschäft, für jeden von uns. Veröffentlicht bei "meome.de", September 2001 | Link zu Online-Artikel: www.meome.de
 

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