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Qual für Augen und Ohren?
von Christian Gaca,
meOme-Redaktion
 Mit VIVA
PLUS stürmt ein neuer Musikkanal ins Fernsehen. Ein anderer
Sender musste dafür weichen. meOme sprach mit VIVA PLUS-Chef
Dominik Kaiser über Startschwierigkeiten und wütende
VIVA-2-Fans.

Als Anfang Oktober 2001
offiziell bekannt wird, dass der letzte alternative
Musiksender VIVA 2 zu Gunsten eines neuen Kanals eingstellt
wird, ist die Aufregung groß. Wütende VIVA-2-Fans gründen die
VIVA 2
Resistance, wollen das Sterben ihrer liebgewonnenen
TV-Heimat verhindern.
 Es nützte nichts. Nach extrem kurzer Aufbauzeit ging VIVA
PLUS am 7. Januar 2002 auf Sendung. Das sorgt
seither nicht nur im Forum der Sender-Webpage für hitzige Diskussionen über
Kunst, Konzepte und Kommerz, Qualität oder Qual für Augen und
Ohren.
 meOme sprach mit VIVA PLUS-Geschäftsführer
Dominik Kaiser über Startschwierigkeiten, Programmideen,
wütende Fans und seine Vision guten Musikfernsehens.
meOme: Am 07. Januar ist VIVA
PLUS auf Sendung gegangen. Sind Sie mit dem Start
zufrieden? Dominik Kaiser: Ich bin mit dem
Start sehr zufrieden. Musikfernsehen muss sich entwickeln,
dass kann man nicht planen. Und da wir den Sender in so kurzer
Zeit zusammengebaut haben, ist klar, dass in den nächsten
Wochen viele neue Dinge passieren werden und sich hier noch
viel einspielen muss.
 meOme: Erklären Sie doch allen
Nicht-VIVA-Konsumenten einmal kurz das Konzept von VIVA
PLUS. Dominik Kaiser: Wir sind
grundsätzlich ein Musiksender wie die anderen auch. Im
Unterschied zu VIVA spielen wir nicht die trashigen Themen wie
Scooter oder DJ Bobo. Im Unterschied zu VIVA 2 spielen wir die
experimentellen Themen nicht. Als Plus dazu haben wir täglich
News - und unsere VJ’s (Moderatoren) über mehrere Länder
verteilt. Die berichten täglich aus ihren Städten, gehen zum
Beispiel Stars besuchen. Dann ist da noch der Bereich, in dem
wir am meisten wachsen werden: die Interaktivität. Zuschauer
können Lieblingsclips wählen, SMS schicken, die auf dem
Laufband am Bildschirm zu sehen sind. Es wird noch viele
Elemente geben, womit Zuschauer mit dem Sender kommunizieren
und Einfluss aufs Programm nehmen können.
 meOme: Sie haben als TV-Macher
Formate wie "Kasperli Theater" fürs Schweizer Fernsehen
entwickelt. Als Zuschauer meint man mithin, auch bei VIVA
PLUS im Kasperle-Theater gelandet zu sein -
Hauptdarsteller sind Praktikanten als VJ's mit Digicam.
Dominik Kaiser: Dafür, dass es neue neue
Gesichter sind und sie keine Fernseherfahrung haben, sind alle
sehr gut. Wir wollten keine Stars teuer einkaufen, dafür haben
wir ohnehin das Geld nicht. Ich stimme zu, dass es am Montag,
als die VJ’s zu viert von 13 bis 23 Uhr live moderiert haben,
ein paar lustige Momente gab. Ich find’ das aber nicht so
schlimm. Ich stehe voll hinter den Moderatoren und denke, die
werden sich alle täglich verbessern. Man muss den Leuten
einfach Zeit geben.
 meOme: Was hält eigentlich Ihr
Chef, VIVA-Geschäftsführer Dieter Gorny, vom neuen Sender?
Dominik Kaiser: Er ist, soweit ich weiß,
sehr zufrieden mit uns. Weil er eben weiß: Musikfernsehen ist
etwas, das sich entwickeln muss, das man nicht nach der ersten
Woche beurteilen kann wie einen Kinofilm. Wenn man die ersten
Tage von VIVA gesehen hat und das Programm jetzt angeguckt,
das ist wie Tag und Nacht. Da hatten wir einen sehr viel
ruhigeren Start auf höherem Niveau. Dennoch: Hier muss sich
noch ganz viel einspielen.

meOme: Mit der Zufriedenheit sieht es bei
den Zuschauern nicht so gut aus. In den Foren Ihrer Website
schimpfen Zuschauer "I want VIVA 2 back" oder "der letzte
Schrottsender" – und das sind noch freundliche Zitate. Warum
dieser Widerstand? Dominik Kaiser: Dass die
VIVA-2-Leute keine Freude haben, war uns allen klar. Verstehe
ich auch, denn VIVA 2 war ein sehr gut gemachter Sender, der
nur leider nicht annähernd die Menge Zuschauer gefunden hat,
um sich finanziell zu tragen. Was ich nicht verstehe ist, dass
im Forum sehr weit unten argumentiert wird. Was man allen
einmal sagen sollte: Die Leute, die jetzt VIVA
PLUS machen, sind das alte VIVA-2-Team. Dieselben
Leute, die früher von dieser Community hoch gelobt wurden.
 meOme: Ist denn langfristig
vorgesehen, der Indie-Szene wieder mehr Sendezeit einzuräumen?
Schließlich haben Moderatoren wie Charlotte Roche mit und bei
VIVA 2 Erfolg gehabt. Dominik Kaiser:
Charlotte ist ja jetzt mit ihrem Programm auf VIVA, Electronic
Beats auch. Wir aber haben ein anderes Konzept, dass nicht so
sehr mit Formaten arbeitet, sondern mit VJ’s rund um die Welt.
Darum macht es für uns keinen Sinn, alte Formate wieder
einzuführen - sonst würde ja der ganze Neustart keinen Sinn
machen. Ein besserers VIVA 2 als VIVA 2 gemacht hat, können
wir halt nicht machen. Die
ganze experimentelle Musik wird sicher nur noch ab 23 Uhr
laufen, weil wir sonst das uns gesteckte Ziel nicht erreichen
können. Wir müssen in drei Jahren profitabel sein!
 meOme: VIVA PLUS ist
ein Joint-Venture der VIVA Media AG (51%) und AOL Time Warner
(49%). Ihr Partner soll die Idee, Internet und TV zu
verknüpfen, maßgeblich mittragen. Wo sehen Sie die Stärken der
Kooperation? Dominik Kaiser: Für uns, dass
wir versuchen, innerhalb des Riesenkonzerns interessante
Inhalte zu finden. Wir sprechen in zwei Wochen mit den
CNN-Leuten über eine Kooperation im
Entertainment-News-Bereich. Und bei Time Warner gibt es noch
so viele spannende Firmen, Wallpaper zum Beispiel.
 meOme: Also die Sahnestücke
rauspicken ... Dominik Kaiser: ... und bei
uns einbauen. Für Time Warner ist es interessant, dass wir
helfen, ihre Stars zu vermarkten. Zum anderen, dass wir
Inhalte schaffen, die dann im Netz bei AOL wiederzufinden
sind. Sie haben aber keinen zeitlichen Einfluss, können uns
nicht sagen: Ihr müsst Madonna zehnmal täglich spielen, weil
Sie bei einem Time-Warner-Label gesigned ist. Das gibt es
nicht, sonst würden wir die anderen Labels verärgern und damit
Interviews und Support nicht mehr kriegen, was wir natürlich
brauchen.
 meOme: Die Idee, Online- und
TV-Medium zu verknüpfen, ist nicht neu. Kritiker meinen sogar,
VIVA PLUS sei bloß eine Kopie von NBC’s GIGA TV, wo
seit längerem Fernsehen und Internet für die Generation @
verbunden werden. Dominik Kaiser: Ich gebe
zu, die Idee, Internet und Fernsehen zu verknüpfen, ist
überhaupt nicht neu. Dass wir GIGA kopieren, trifft aber
überhaupt nicht zu, denn wir sind ein Musiksender. Wir zeigen
nicht, wie jemand am Internet sitzt und eine Website erklärt.
Unsere Hauptbestandteile sind Musik, VJ’s und Pop-News. Das
wird auf unsere eigene Art mit dem Internet verknüpft.
 meOme: Die meisten Kommentare zu
VIVA PLUS, die man hören und lesen kann, sind eher
negativ. Gibt es erste Pläne, um dieser Stimmung
entgegenzusteuern? Dominik Kaiser: In Chat
und Foren waren die große Mehrheit negative Messages von
ehemaligen VIVA-2-Guckern, die sich beschweren, dass es VIVA 2
nicht mehr gibt. Dass kann ich nicht ändern, denn der Sender
hat jedes Jahr viel Geld gekostet. Dagegen stehen die SMS, die
wir jeden Tag kriegen - wahrscheinlich 30-mal so viele wie
Internet-Messages und 99 Prozent davon sind positiv. Es gibt
halt zwei unterschiedliche Gruppen, die uns bewerten. Wir sind
aber musikalisch gar nicht so weit weg von VIVA 2, wie viele
Leute denken.
 meOme: Und inhaltlich?
Dominik Kaiser: Inhaltlich muss man den VJ’s
eine Chance geben. Gerade die City-Formate London und Los
Angeles sind auf ihre Weise sehr experimentell und eigen. Man
sollte sich das einfach mal ein bisschen angucken und dann ein
Urteil bilden. Michael in London hat gerade ein
Garbage-Interview geführt. Die Band hat danach gesagt, es war
eins der besten Interviews in den letzten Jahren, das mit
ihnen gemacht wurde. Weil es so frech war, weil es
unkonventionell war.
 meOme: Ein kleiner Teilerfolg,
immerhin. Dominik Kaiser:Ich denke, man muss
dem Programm etwas Zeit geben. Wenn man es ganz schlimm
findet, jetzt eben nicht mehr gucken und dann in zwei Monaten
mal wieder. Aber es gibt bereits Sendungen bei uns, die auch
VIVA-2-Leuten gefallen. Davon bin ich überzeugt.
 meOme: Dominik Kaiser, vielen
Dank für das Gepräch.
Veröffentlicht bei meOme.de und freenet.de, Januar 2002 | Link zu Online-Artikel: meOme.de
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